Der veganen Bewegung wird häufig vorgeworfen, sie sei wohlstandsverwöhnt, hypermoralisch oder gar totalitär. Ihr wird eine natur- und traditionsverachtende Lebenseinstellung unterstellt. Sie lehne sämtliche kulturelle Errungenschaften ab und verfolge ein strenges ethisches Diktat, in dem Genuss und Lebensfreude zugunsten moralischer Disziplin unterdrückt würden. Der vegane Mensch, so heißt es, hänge einem asketischen Glauben an, den er seinem Umfeld missionarisch aufzwingen wolle1.
Doch was bedeutet Veganismus eigentlich?
Die erste, knappe Definition formulierte die Vegan Society 1951 als den „Leitsatz, dass der Mensch ohne Ausbeutung von Tieren leben soll“. 1988 präzisierte dieselbe Organisation:
„Veganismus ist eine Philosophie und Lebensweise, die – soweit wie möglich und praktikabel – alle Formen der Ausbeutung und Grausamkeit gegenüber Tieren für Nahrung, Kleidung oder andere Zwecke zu vermeiden sucht und darüber hinaus die Entwicklung und Nutzung tierfreier Alternativen zum Vorteil von Tieren, Menschen und Umwelt fördert. In der Ernährung bedeutet dies den Verzicht auf alle ganz oder teilweise vom Tier gewonnenen Produkte.“2
Im Veganismus geht es demnach nicht um Askese oder kulturelle Ablehnung sondern um eine ethische Haltung, die die Ausbeutung von Tieren in jeder Form ablehnt. Dass Tiere in vielfältiger Weise für menschliche Zwecke genutzt und ausgebeutet werden, ist kaum zu bestreiten. Tiere leiden und sterben für unsere Ernährung, unsere Kleidung oder unsere Unterhaltung.
Obwohl diese Begründung für viele Menschen nachvollziehbar ist, gilt der vegane Lebensstil oft als „extrem“. Doch was bedeutet das? Ist es extrem, sich gegen die Ausbeutung und Tötung von Menschen zu stellen? Offensichtlich nicht. Ist es extrem, sich gegen die Ausbeutung und Tötung von Tieren zu stellen? Anscheinend schon.
Als „extrem“ wird allgemein eine Haltung, Handlung oder Einstellung bezeichnet, die ein normales Maß weit überschreitet, maßlos ist oder an die äußersten Ränder des gesellschaftlich Akzeptierten geht3. Was von der Norm abweicht, wird schnell als extrem bezeichnet. Doch gesellschaftliche Normen verändern sich: Viele Selbstverständlichkeiten früherer Generationen gelten heute als überholt. Wandel entsteht nicht zwangsläufig aus Radikalität, sondern oft aus dem Wunsch, bestehende Werte konsequenter anzuwenden.
Vieles von dem, was wir heute als diskriminierend erkennen, war damals gesellschaftlicher Alltag.
Heute gilt es als extrem keine tierischen Produkte zu konsumieren – obwohl dieser Verzicht aus dem Versuch heraus entsteht, eine Form von Leid und Machtmissbrauch zu vermeiden.
Den meisten Menschen sind Respekt, Anstand und Verantwortungsbewusstsein wichtig. Kaum jemand möchte bewusst Leid verursachen. Deshalb empfinden viele Empörung, wenn sie sehen, wie ein Kind oder ein Tier misshandelt wird. Veganer vertreten im Kern dieselben Werte wie die Mehrheit der Gesellschaft. Der Unterschied besteht lediglich darin, dass sie diese Werte konsequent auf ihr eigenes Handeln anwenden.
Dabei ist Veganismus kein „Verrat an der Natur“, wie oft behauptet wird4. Die industrielle Tierhaltung, aus der heute über 99 Prozent der tierischen Produkte stammen, existiert erst seit gut hundert Jahren. Mit natürlichen Räuber-Beute-Beziehungen hat sie nichts gemein. Hochverarbeitete Fleischprodukte, massiver Antibiotikaeinsatz und extreme Haltungsbedingungen sind weit entfernt von einem „natürlichen“ Zustand. Sie ist weniger Ausdruck gewachsener Tradition als vielmehr Ergebnis technischer und wirtschaftlicher Effizienzsteigerung.
Auch Zoos und Zirkusse stehen exemplarisch für diese Problematik: Tiere, deren natürliche Lebensräume sich über tausende Quadratkilometer erstrecken, leben auf engstem Raum und werden zu Unterhaltungszwecken präsentiert. In Zirkussen zeigen sie unter Lärm und Dressur unnatürliche Verhaltensweisen. In Zuchtbetrieben werden weibliche Tiere wiederholt geschwängert, ihn ihre Jungen kurz nach der Geburt entrissen und verkauft – ein Vorgehen, das mit natürlichen Fortpflanzungs- und Sozialstrukturen wenig gemein hat.
Stellen wir uns vor, ein Mensch würde auf diese Weise behandelt werden. Der Gedanke daran widerspricht unseren moralischen Grundüberzeugungen so fundamental das wir oft die Augen davor verschließen. Das sind alles Prozesse die dem Sinn der Schöpfung oder der Natur (unabhängig wie man es nennen mag) widersprechen und im Veganismus keiner Zustimmung erfährt.
Die Bewahrung des Lebens und der Schutz der Schwächeren sind tief verwurzelte Grundsätze. Der Veganismus ist demnach nicht extrem – höchstens ungewohnt – wenn er versucht diese Grundsätze zu leben. Extrem ist vielmehr das Ausmaß an Leid, das wir als normal akzeptieren.
Quellen/ Weiterführende Links:
1Gemüse-Bürgertum – Veganer sind moralische Totalitaristen | Cicero Online
2Go Vegan | What is Veganism? | Understanding Veganism
3extrem – Schreibung, Definition, Bedeutung, Etymologie, Synonyme, Beispiele | DWDS
4Vegane Ernährung: Ist Veganismus wider die Natur? | DIE ZEIT


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