Es gilt als gesellschaftlicher Konsens, dass all jene, die von politischen Entscheidungen betroffen sind, auch angemessen vertreten werden sollten. Dies trifft insbesondere auf schutzbedürftige Gruppen wie Menschen mit Behinderungen zu. Im Idealfall verfügen sie über Stellvertreter, die ihre Interessen repräsentieren, sie in gerichtlichen Verfahren vertreten, in politischen Entscheidungsprozessen berücksichtigen und ihr Recht auf Teilhabe und Mitbestimmung sichern1. Ihre Interessen werden im politischen Diskurs aufgenommen und verteidigt, und sie werden auch in Entscheidungsprozesse wie Infrastrukturplanung oder gesundheitspolitische Maßnahmen mit einbezogen – selbst dann, wenn ihre spezifischen Rechte nur indirekt betroffen sind2.
Einigkeit besteht darüber, dass politische Entscheidungsprozesse nur dann sachgerecht beurteilt werden können, wenn alle relevanten gesellschaftlichen Gruppen einbezogen sind. Diese Form der Repräsentation gilt als moralisch notwendig und rechtlich selbstverständlich.
Tiere hingegen werden bei nahezu allen menschlichen Entscheidungen systematisch ausgeschlossen. Obwohl sie – ähnlich wie Kinder oder Menschen mit Behinderungen – nicht für sich selbst sprechen können, existiert für sie kaum eine institutionalisierte Interessenvertretung. Sie sind vollständig von menschlichen Entscheidungen und deren Konsequenzen abhängig, ohne jemals selbst davon zu profitieren.
Dieses strukturelle Machtgefälle zieht sich durch nahezu alle relevanten Bereiche: Landwirtschaft, Stadt- und Verkehrsplanung, Jagd, Forschung sowie die Nutzung von Natur- und Lebensräumen. Die Interessen der Tiere werden dabei in der Regel nicht aktiv berücksichtigt.
Dass Tiere im deutschen Recht zwar nicht mehr ausdrücklich als Sachen gelten, faktisch jedoch weiterhin weitgehend wie solche behandelt werden, erleichtert ihre willkürliche Nutzung zusätzlich. Über ihr Leben, ihre Haltung und ihren Tod wird ausschließlich von Menschen entschieden. Dabei wird häufig nicht einmal der bestehende gesetzliche Rahmen eingehalten: Mindeststandards in der Massentierhaltung werden vielfach missachtet, Verstümmelungen oder Schlachtungen ohne Betäubung sind an der Tagesordnung3 und Verstöße im Transport- und Schlachtprozess – etwa Schlagen oder Treten – werden kaum verfolgt. Auch Vernachlässigung und mangelhafte Haltung von Haustieren, das Aussetzen von Tieren oder Fahrerfluchten nach Verkehrsunfällen mit verletzten oder getöteten Tieren, bleiben meist ohne rechtliche Konsequenzen.
Tiere besitzen kein Mitspracherecht, keine rechtlich verankerte Stimme und keinen Anspruch darauf, dass ihre Interessen systematisch berücksichtigt werden.
Zu Recht gilt es als unethisch, die Interessen von Kindern oder Menschen mit Behinderungen zu ignorieren. Ausschlaggebend dafür ist nicht ihre Leistungsfähigkeit oder ihr gesellschaftlicher Nutzen, sondern ihre Empfindungsfähigkeit: Sie können Leid, Freude, Angst und Bindung erleben. Genau diese Fähigkeit macht sie moralisch schutzwürdig.
Dasselbe gilt jedoch auch für Tiere. Auch sie empfinden Schmerz, Angst, Neugier und Lebensfreude, auch sie haben individuelle Interessen, und auch sie sind in vielen Situationen dem Menschen vollständig ausgeliefert – insbesondere domestizierte Tiere, die ohne menschliche Kontrolle nicht existieren könnten.
Vor diesem Hintergrund stellt sich eine zentrale Frage: Warum endet unsere moralische Verantwortung ausgerechnet an der Artgrenze? Warum sollten Tiere, die seit Jahrhunderten für menschliche Zwecke genutzt werden, die geben, leisten und für uns sterben, keinen Anspruch darauf haben, dass ihre Interessen vertreten werden?
Politisch betrachtet ist Verantwortung untrennbar mit Macht verbunden. Wer umfassende Kontrolle über ein Lebewesen ausübt, trägt auch die umfassende Verantwortung für dessen Wohlergehen. In Bezug auf Tiere liegt diese Macht nahezu vollständig beim Menschen – und damit auch die Verantwortung. Moralische Verpflichtungen dürfen daher nicht an biologischen Kategorien haltmachen. Eine Gesellschaft, die sich als gerecht versteht, muss ihre Verantwortung gegenüber allen leidensfähigen Wesen ernst nehmen.
Quellen/ Weiterführende Links:
1Politik für Menschen mit Behinderungen – BMAS
2Partizipation | Institut für Menschenrechte
3Schneidewind, S. J., Langforth, S., & Meemken, D. (2024). Animal welfare at German abattoirs: Insights into the occurrence of violations against laws and regulations from official veterinarians and judicial decisions. Frontiers in Veterinary Science, 11, 1354039. https://doi.org/10.3389/fvets.2024.1354039


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