Die meisten Menschen würden von sich sagen, dass sie Tiere lieben. Tierliebe gilt als etwas Positives, als Beweis für Mitgefühl und moralische Integrität. Doch ein genauerer Blick zeigt: Diese Liebe ist selektiv. Sie richtet sich nicht auf Tiere als solche, sondern auf bestimmte Arten, bestimmte Situationen und bestimmte Rollen, die wir ihnen zuschreiben. Tierliebe ist weit verbreitet – konsequenter Tierschutz hingegen nicht.

Die meisten Menschen würden von sich behaupten, Tiere zu lieben. Viele empfinden echtes Mitgefühl, wenn sie einem Tier begegnen, das Hilfe braucht. Besonders deutlich wird das bei Tieren, die uns als Haustiere begleiten. Wir geben ihnen ein Zuhause, Fürsorge und Schutz. Entsprechend groß ist das Mitgefühl für Hunde oder Katzen in Tierheimen oder auf der Straße – Tieren, denen wir ein Zuhause geben möchten.

Menschen, die sich in Tierschutzvereinen engagieren, leisten hier Unersetzliches. Sie versorgen verletzte Tiere, organisieren Pflegeplätze und widmen oft einen großen Teil ihrer Zeit dem Wohl von Straßenkatzen und -hunden. Dieses Engagement ist wichtig und verdient Anerkennung. Gleichzeitig zeigt sich hier eine klare Begrenzung des Mitgefühls: Es gilt meist nur einer ausgewählten Gruppe von Tieren – jenen, die wir als Haustiere definiert haben.

Diese Unterscheidung ist gesellschaftlich tief verankert. Haustiere leisten uns Gesellschaft, spenden Trost und Nähe. Dafür schützen wir sie. Wird ihnen Leid zugefügt, empfinden wir Mitgefühl und häufig auch Wut gegenüber den Verantwortlichen. Der Beschützerinstinkt ist bei Haustieren – ähnlich wie bei Kindern – besonders stark ausgeprägt. Unschuld gilt als etwas, das geschützt werden muss.

Dieser Instinkt beschränkt sich jedoch nicht ausschließlich auf Haustiere. Auch bei Wildtieren tritt er in bestimmten Situationen zutage, insbesondere bei Tierkindern. Aktionen wie die Rehkitzrettung zeigen das deutlich. Viele Menschen helfen hier freiwillig mit, unabhängig von Beruf oder Hintergrund. Die Vorstellung, ein junges Tier könnte durch eine Mähmaschine sterben, löst Empörung und Handlungsbereitschaft aus.

Gleichzeitig wird ausgeblendet oder auch akzeptiert, dass diese Tiere später bejagt werden. Für Jäger ist dies oft kein Widerspruch an sich da sie den Tod durch die Mähmaschine grausamer finden als durch einen Gewehrschuss1. Für die anderen Helfer ist dieser Widerspruch ebenfalls bekannt, aber meist emotional fern. Das Mitgefühl gilt dem geretteten Tierkind – nicht dem erwachsenen Tier, das später stirbt.

Tierkinder lösen generell starke emotionale Reaktionen aus. Dabei spielt es kaum eine Rolle, ob es sich um Kälber, Lämmer, Ferkel und Küken oder um Kitze, Frischlinge und Welpen handelt. In Filmen, auf Bauernhöfen oder in Kinderbüchern empfinden viele Menschen Mitgefühl für diese Tiere. Gleichzeitig essen dieselben Menschen Kalbsfleisch, Lammbraten oder Spanferkel. Dass es sich um dieselben Individuen handelt, wird erfolgreich verdrängt2.

Dieser Widerspruch wirft Fragen auf. Mag sein dass es daran liegt das Tiere vor dem Verzehr meist so stark verarbeitet werden, dass sie nicht mehr als Lebewesen erkennbar sind. Doch selbst dort, wo das Tier kurz vor dem Verzehr noch sichtbar ist – etwa beim Spanferkel – bleibt der Widerspruch bestehen.

Fakt ist: Die meisten Menschen „lieben“ Tiere. Sie entwickeln Mitgefühl und einen ausgeprägten Beschützerinstinkt, wenn Tieren Unrecht widerfährt. Doch diese Tierliebe ist selektiv. Spenden für die medizinische Versorgung eines Hundes im Tierheim finden sich schnell. Würde dieselbe Summe für ein Schwein benötigt, fällt die Unterstützung meist deutlich geringer aus.

Hunde und Schweine sind beides domestizierte Tiere. Der entscheidende Unterschied besteht darin, dass wir beschlossen haben, die einen zu lieben und die anderen zu essen. Diese Unterscheidung zwischen liebenswerten und nutzbaren Tieren ist Ausdruck eines speziesistischen Denkens3. Tierliebe ist deshalb kein verlässliches Argument für Tierschutz. Sie bezieht sich auf ausgewählte Tiere, abhängig von kulturellen Zuschreibungen, persönlicher Nähe und Situation.

Ein konsequenter Tierschutz kann nicht auf Liebe beruhen. Liebe ist individuell, wechselhaft und selektiv. Respekt hingegen ist universell. Wir müssen Tiere nicht lieben, um ihr Recht auf Leben zu achten. So wie wir auch Menschen, die wir nicht mögen oder nicht kennen, ganz selbstverständlich nicht töten oder ausbeuten würden.

Tiere – ob Hunde, Schweine, Rinder, Fische oder Hühner – haben grundlegende Bedürfnisse nach Sicherheit, Nahrung, sozialem Kontakt und Schutz4. Diese Bedürfnisse verschwinden nicht, nur weil wir ein Tier zur Ressource erklären. Tierschutz beginnt dort, wo wir aufhören, zwischen liebenswerten und nutzbaren Lebewesen zu unterscheiden.

Solange unser Mitgefühl davon abhängt, ob ein Tier niedlich, vertraut oder nützlich ist, bleibt Tierschutz beliebig. Liebe kann motivieren, aber sie kann keine moralische Grenze setzen.

Wir müssen Tiere nicht lieben, um ihnen ihr Recht auf Leben zuzugestehen. Respekt verlangt keine Zuneigung – nur die Anerkennung, dass auch andere Lebewesen Interessen, Bedürfnisse und ein eigenes Leben haben. Vielleicht beginnt echter Tierschutz genau dort, wo die Tierliebe endet.

Quellen/ weiterführende Links:

1 Jäger, Bauer, Rehkitzretter: Es darf kein Widerspruch sein – Onlinemagazin da Hogn

2Das Fleisch-Paradoxon | Swissveg

3Speziesismus — DRZE

4The Five Freedoms for animals | Animal Humane Society


2 Antworten zu „Warum Tierliebe kein Argument für Tierschutz ist“

  1. Avatar von Peter Silie
    Peter Silie

    Der Beitrag ist hervorragend geschrieben und sehr nachvollziehbar gestaltet. Das dargelegte deckt sich auch im Gros mit meinen Beobachtungen und ich finde es gut, dass sich mal jemand die Zeit nimmt, um auch solche Widersprüche niederzuschreiben.

    1. Avatar von S. K.
      S. K.

      Vielen lieben Dank für dein motivierendes Feedback.

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